16.08.2018

proviel – pro Vielfalt

Interview von Stefanie Bona mit Christoph Nieder für die Ausgabe 08/18 der BERGISCHE UNTERNEHMER

Herr Nieder, was verbirgt sich hinter dem Begriff „proviel“?

„proviel“ steht für „pro Vielfalt“ und das in vielerlei Hinsicht. Einmal kann jeder unserer Mitarbeiter und jede unserer Mitarbeiterinnen mit seiner und ihrer individuellen psychischen Behinderung einen Platz finden. 720 Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen arbeiten bei uns, für alle suchen und finden wir den Arbeitsplatz, der zu ihm passt, ihn nicht überfordert, aber im besten Fall weiterbringt. Mancher schafft fünf Handgriffe am Tag, der andere 5.000. Diesen Anforderungen müssen wir gerecht werden. Genau deshalb ist Vielfalt  auch bei unseren Kunden bzw. Auftraggebern gefragt. Gerade weil wir unterschiedliche Aufgaben anbieten wollen, benötigen wir viele unterschiedliche Aufträge. 

Auftraggeber haben sie in zweierlei Hinsicht.

Ja, genau. Das sind zum Einen Kostenträger wie die Bundesanstalt für Arbeit, die Deutsche Rentenversicherung und der Landschaftsverband Rheinland. In ihrem Auftrag organisieren wir für die Menschen berufliche Teilhabe bzw. Rehabilitation. Dafür bezahlen sie uns. Auf der anderen Seite sind da die Auftraggeber aus der Wirtschaft, denen wir die Produkte bzw. Dienstleistungen in Rechnung stellen. Ein gemeinnütziges Unternehmen wie unseres trägt sich also durch die Mischkalkulation.

Kommt bei den Aufträgen denn die von Ihnen beschriebene Vielfalt zusammen? Denn die brauchen sie doch, um allen Beschäftigten die auf sie zugeschnittenen Arbeitsplätze anbieten zu können…

Wir arbeiten für viele Firmen aus der Region, die sich ausdrücklich zur Zusammenarbeit mit uns bekennen. Die Bandbreite reicht von klassischen Montagearbeiten und geht über Verpackungs- und Konfektionsarbeiten bis hin zu Druckweiterverarbeitung, Lager und Logistik und zur Wäscherei. Weiterhin haben wir den CAP-Frischemarkt im Quartier Eckbusch in Wuppertal als eigene  Abteilung. Dort können unsere Mitarbeiter im Bereich des Einzelhandels Fuß fassen. Und dann unterstützen wir mit unserer Hauswirtschaft die Gastronomie im Wuppertaler Zoo.  Dort gibt es im Restaurant „Okavango“ auch betriebsintegrierte Arbeitsplätze.  Somit können unsere Beschäftigten auch im gastronomischen Bereich Erfahrungen sammeln. Außerdem betreiben wir ein Schul-Bistro und zukünftig zusammen mit der Alten Feuerwache den Kulturkindergarten in der Wuppertaler Nordstadt. proviel weitet sich in seinem Angebot und seiner Vielfalt kontinuierlich aus, das entspricht genau unserem Gründungszweck. Wir müssen und wollen immer mehr unterschiedliche Arbeitsplätze anbieten.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Die Firma Puky beispielsweise lässt Kinderfahrzeuge bei uns montieren. Zu diesem Unternehmen, das ganz klar auf „made in Germany“ setzt, gibt es eine langjährige, gute und vertrauensvolle Partnerschaft. Im Laufe der Zeit wurden rund 650.000 Puky-Fahrzeuge durch uns montiert. Wir übernehmen die Endmontage und liefern auch über den Beauftragten Logistiker direkt an den Fachhandel aus. Puky-Angestellte besuchen uns regelmäßig, um die Vorgehensweise, Regeln und Qualitätsansprüche zu besprechen. Das ist auch ein Produkt, mit dem sich unsere Mitarbeiter sehr identifizieren. Ein Teil, was sich im Motor eines Autos versteckt, fällt ja nicht weiter auf. Wenn aber jemand ein Kind im Park auf einem Puky-Roller sieht, empfindet er große Freude, daran mitgearbeitet zu haben. Das gibt neues Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Selbstbewusstsein.

Auf was können sich Ihre Industriekunden verlassen? Was hat sie zu einer Zusammenarbeit mit proviel bewogen und was schätzen sie daran?  

Die meisten haben sich sicherlich zunächst mit dem Gedanken an den gesellschaftlichen Zusammenhalt mit „proviel“ beschäftigt.  Langfristig merken unsere Kunden aber, dass sie einen flexiblen, verlässlichen und pünktlichen Dienstleister an ihrer Seite haben, der zeitnah Aufträge annehmen kann. Natürlich benötigen wir für einen Auftrag mehr Arbeitsplätze als Unternehmen, die ihre Kräfte aus dem ersten Arbeitsmarkt rekrutieren. Trotzdem erledigen wir unsere Aufgaben sorgfältig. Dann spielt die regionale Komponente eine ganz große Rolle. Alle Kunden schätzen die kurzen Wege, wir brauchen keine Video- oder Telefonkonferenz, um uns zu besprechen.  Außerdem haben wir eine hohe Ausgangskontrolle und bieten somit hohe Qualität und Liefertreue.

Und aus all dem ergeben sich oft langjährige Partnerschaften?

Extrem lange. Mit vielen Unternehmen arbeiten wir eng und vertrauensvoll  seit vielen Jahren zusammen.  

Glauben Sie, dass Unternehmen vor dem Hintergrund des steigenden Fachkräftemangels umdenken müssen, indem sie sich auch Bewerbern zuwenden, die vielleicht besondere Anforderungen an Einarbeitung und Betreuung haben?

Die Sorge, einen psychisch kranken Menschen einzustellen, ist schon tief verwurzelt. Natürlich muss man ihn als Mitarbeiter stützen und begleiten. Außerdem muss man den Betriebsrat und die Belegschaft mit ins Boot holen. Ziehen alle an einem Strang, kann eine solche Einstellung erfolgreich sein. Der Weg zum Ziel kann ja auch über ein Praktikum oder einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz führen, den wir dann begleiten. Ich mache seit Jahren die positive Erfahrung, dass es in unserer Region Aufgeschlossenheit für das Thema gibt. Denn der bergische mittelständische Unternehmer ist ein ehrbarer Kaufmann und in erster Linie Mensch.

siehe auch www.bvg-menzel.de

Dateianlagen:
 BU_0818.pdf (1,35 MB )